Was ein ND-Filter mit dem Licht macht
Ein ND-Filter, auch Graufilter genannt, reduziert die Lichtmenge über das ganze sichtbare Spektrum möglichst gleichmäßig, ohne Farben oder Kontrast zu verändern. Das Kürzel steht für Neutraldichte. Der Zweck ist schlicht: Bei gleicher Blende und gleichem ISO-Wert wird eine längere Belichtungszeit nötig, in der sich jede Bewegung im Bild sichtbar verwischt.
Zwei Situationen machen einen Graufilter unverzichtbar. Bei Tageslicht lässt sich fließendes Wasser oder ziehender Wolkenhimmel sonst nicht weichzeichnen, weil selbst Blende 16 und ISO 64 noch Zeiten im Bereich von Hundertstelsekunden ergeben. Im Video und bei Porträts erlaubt der Filter dagegen eine offene Blende im hellen Sonnenlicht, ohne dass die kürzeste Verschlusszeit überschritten wird.
Abstufungen: ND8, ND64 und ND1000
Die Abstufungen werden meist als Verlängerungsfaktor angegeben. Ein ND2 halbiert das Licht und kostet eine Blendenstufe, ein ND8 verlängert die Zeit um den Faktor 8 und entspricht drei Stufen. ND64 steht für sechs Stufen, ND1000 für rund zehn, denn zwei hoch zehn ergibt 1.024. Gebräuchlich sind daneben ND16 und ND32.
Andere Hersteller schreiben die optische Dichte auf den Ring. Dort entspricht jede Zunahme um 0,3 einer Blendenstufe, sodass ND 0,9 dasselbe bezeichnet wie ND8 und ND 3,0 dasselbe wie ND1000. Wer die Abstufungen beider Schreibweisen im Kopf behält, kann Filter verschiedener Marken direkt vergleichen und kombinieren, ohne jedes Mal eine Tabelle zu suchen.
Die Verlängerung der Belichtungszeit berechnen
Die neue Belichtungszeit ergibt sich, indem man die Ausgangszeit mit dem Faktor multipliziert. Misst die Kamera ohne Filter 1/60 s, dann verlängert ein ND8 auf 1/8 s, ein ND64 auf gut eine Sekunde und ein ND1000 auf etwa 17 Sekunden. Rechnet man in Blendenstufen, wird die Zeit pro Stufe verdoppelt.
Ein Rechenbeispiel aus der Praxis: An einem bewölkten Nachmittag zeigt die Kamera bei Blende 11 und ISO 100 eine Zeit von 1/30 s. Mit einem ND-Filter von zehn Stufen ergibt das 1/30 × 1.024, also rund 34 Sekunden. Da die meisten Kameras nur bis 30 Sekunden automatisch belichten, wird der Bulb-Modus mit Fernauslöser nötig.
Variable ND-Filter und das X-Muster
Variable ND-Filter bestehen aus zwei Polarisationsfiltern, die sich gegeneinander verdrehen lassen. Je weiter die Drehung, desto dunkler das Bild, bei vielen Modellen typisch über einen Bereich von etwa zwei bis acht Stufen. Besonders im Video ist das bequem, weil sich die Belichtung stufenlos anpassen lässt, während Blende und Verschlusswinkel unverändert bleiben.
Bei starker Einstellung zeigt sich jedoch häufig ein dunkles Kreuz im Bild, das sogenannte X-Muster. Es entsteht, weil sich die Polarisationswirkung je nach Einfallswinkel unterscheidet, und tritt an Weitwinkeln besonders deutlich auf. Gute variable Filter besitzen deshalb Anschläge, die den nutzbaren Bereich begrenzen. Für Langzeitbelichtungen mit zehn Stufen ist ein fester Filter die sicherere Wahl.
Schraubfilter oder Stecksystem mit Halter
Schraubfilter sitzen direkt im Frontgewinde des Objektivs, sind kompakt und dichten gut gegen Streulicht ab. Ihr Nachteil liegt in den verschiedenen Durchmessern der eigenen Objektive: 67, 77 und 82 mm sind gängig. Mit Reduzierringen lässt sich ein großer Filter an kleineren Gewinden nutzen, umgekehrt drohen bei Weitwinkeln dunkle Ecken durch Vignettierung.
Stecksysteme arbeiten mit einem Halter, in den quadratische oder rechteckige Scheiben geschoben werden, häufig in 100 mm Breite. So lassen sich ein ND-Filter und ein Grauverlaufsfilter kombinieren, der nur den hellen Himmel abdunkelt. Damit kein Licht zwischen Scheibe und Halter eindringt, braucht der Filter eine Schaumstoffdichtung, sonst entstehen bei langen Belichtungen helle Schleier.
Farbstich und Infrarotanteil korrigieren
Kaum ein starker Graufilter ist vollkommen neutral. Viele lassen Infrarot und den roten Teil des Spektrums etwas stärker durch, was einen warmen oder magentafarbenen Schleier erzeugt. Andere Filter tendieren ins Bläuliche. Je mehr Stufen der Filter hat, desto deutlicher wird der Effekt, weil der Anteil des unerwünschten Lichts relativ zum gewünschten wächst.
Korrigieren lässt sich das am einfachsten in der Rohdatei, nicht im fertigen JPEG. Eine Aufnahme einer Graukarte mit montiertem Filter liefert den Referenzwert für einen manuellen Weißabgleich, der anschließend auf die ganze Serie übertragen wird. Bei Schwarzweißaufnahmen spielt der Farbstich keine Rolle, ein Infrarotanteil kann dort aber Laub ungewohnt hell erscheinen lassen.
Ablauf einer Langzeitbelichtung mit Graufilter
Eine Langzeitbelichtung beginnt ohne Filter. Bildausschnitt festlegen, scharfstellen und den Autofokus auf manuell umstellen, damit er bei montiertem Filter nicht neu sucht. Danach die Belichtung messen und die Zeit mit dem Filterfaktor umrechnen. Erst jetzt wird der Filter in Halter oder Gewinde gesetzt, vorsichtig, damit sich weder Stativ noch Fokusring bewegen.
Während der Belichtung sollte niemand das Stativ berühren, und bei Spiegelreflexkameras gehört das Okular abgedeckt. Die Rauschunterdrückung für lange Belichtungen nimmt danach ein Dunkelbild gleicher Dauer auf, sodass eine Langzeitbelichtung von zwei Minuten insgesamt vier Minuten dauert. Wer eine Serie plant, schaltet die Funktion ab und erstellt einmalig selbst ein Dunkelbild.
