Objektivarten nach Bildwinkel ordnen
Die gängigen Objektivarten unterscheiden sich vor allem durch den Bildwinkel, also den Ausschnitt der Welt, den sie auf den Sensor bringen. Maßgeblich ist das Verhältnis von Brennweite zu Bilddiagonale. Die folgenden Angaben beziehen sich auf das Kleinbild- oder Vollformat mit 36 × 24 mm, dessen Diagonale rund 43 mm misst. Kleinere Sensoren zeigen bei gleicher Brennweite einen engeren Ausschnitt.
Gemessen wird der Bildwinkel meist über die Diagonale des Formats. Ein 50-mm-Objektiv erfasst so etwa 47 Grad, ein 24-mm-Objektiv 84 Grad und ein 200-mm-Objektiv nur noch gut 12 Grad. Aus diesen Werten ergeben sich drei große Objektivarten, zu denen Sonderbauformen wie Makro, Fisheye und Tilt-Shift hinzukommen, die eigene optische Aufgaben lösen.
Weitwinkel: Raum, Nähe und Architektur
Als Weitwinkel gelten Brennweiten unterhalb von etwa 35 mm, ab rund 20 mm spricht man von Superweitwinkel. Ein 24-mm-Objektiv deckt 84 Grad ab, ein 16-mm-Objektiv bereits 107 Grad. Typische Einsatzfelder für ein solches Weitwinkel sind Innenräume, Architektur, Landschaft mit betontem Vordergrund und Reportage in engen Gassen, wo kein Schritt zurück mehr möglich ist.
Häufig misslingt ein Bild, weil die Kamera nach oben gekippt wird. Schon wenige Grad Neigung lassen die Kanten eines Hauses stark zusammenlaufen, weil das Weitwinkel jede Abweichung von der senkrechten Sensorebene sichtbar macht. Besser ist es, die Kamera exakt waagerecht zu halten, viel Vordergrund in Kauf zu nehmen und den oberen Bildteil später zu beschneiden.
Normalobjektiv: der Blick ohne Übertreibung
Ein Normalobjektiv hat eine Brennweite nahe der Bilddiagonale, im Kleinbild also zwischen 40 und 55 mm. Sein Bildwinkel von rund 45 bis 50 Grad wirkt im Abzug weder gedehnt noch verdichtet, weshalb Aufnahmen damit oft unaufgeregt und glaubwürdig erscheinen. Klassische Normalobjektive sind zudem lichtstark, kompakt und mit Blende 1,8 vergleichsweise günstig zu haben.
Straßenfotografie, Porträts mit Umgebung, Stillleben und Reproduktionen sind die typischen Anwendungen, bei denen eine natürliche, unverzerrte Raumwirkung zählt. Wer beim Fotografieren mit dem Normalobjektiv einen Ausschnitt sucht, bewegt die Füße statt eines Zoomrings. An APS-C mit Cropfaktor 1,5 übernimmt ein 35-mm-Objektiv diese Rolle, an Micro Four Thirds mit Faktor 2,0 ein 25-mm-Objektiv.
Teleobjektiv: Distanz überbrücken, Raum verdichten
Ab etwa 70 mm beginnt im Kleinbild der Telebereich. Ein 85-mm-Teleobjektiv zeigt rund 28 Grad, ein 135-mm-Objektiv 18 Grad und ein 400-mm-Objektiv nur noch etwa 6 Grad. Kurze Telebrennweiten zwischen 85 und 135 mm sind beliebte Porträtobjektive, lange Brennweiten ab 300 mm dienen der Tier-, Vogel- und Sportfotografie aus großer, oft unveränderlicher Entfernung.
Der vielzitierte Verdichtungseffekt entsteht durch den großen Abstand zum Motiv, nicht durch die Brennweite selbst. Weil Vordergrund und Hintergrund dann ähnlich weit entfernt sind, erscheinen sie ähnlich groß. Mit langen Brennweiten wächst auch das Verwacklungsrisiko: Als Faustregel gilt eine Verschlusszeit von höchstens dem Kehrwert der Brennweite, ohne Bildstabilisator also 1/400 s bei 400 mm.
Lichtstarke Teleobjektive mit Blende 2,8 oder 4 wiegen schnell zwei bis drei Kilogramm und tragen deshalb eine Stativschelle. Sie wird am Stativkopf befestigt, damit der Schwerpunkt über dem Stativ liegt und das Bajonett der Kamera nicht das gesamte Gewicht halten muss. Beim Wechsel ins Hochformat dreht man nur den Objektivring.
Makro und Fisheye als Sonderbauformen
Ein Makroobjektiv ist für den Nahbereich korrigiert und erreicht in der Regel den Abbildungsmaßstab 1:1, ein Käfer von 10 mm füllt also 10 mm auf dem Sensor. Übliche Brennweiten sind 50 bis 60 mm für Reproduktionen, 90 bis 105 mm für Insekten und Blüten sowie 150 bis 180 mm für scheue Tiere mit großem Arbeitsabstand.
Fisheye-Objektive verzichten bewusst auf die rektilineare Abbildung. Ein diagonales Fisheye füllt das ganze Format und erfasst über die Bilddiagonale 180 Grad, ein zirkulares Fisheye zeichnet einen runden Bildkreis in die Formatmitte. Gerade Linien, die nicht durch die Bildmitte laufen, werden zu Bögen. Kugelpanoramen, enge Innenräume und Actionaufnahmen aus geringer Distanz profitieren davon.
Zoom, Festbrennweite und Tilt-Shift im Vergleich der Objektivarten
Ein Zoom vereint mehrere Brennweiten in einem Gehäuse, etwa 24–70 mm oder 70–200 mm. Das spart Objektivwechsel und Gewicht im Rucksack. Eine Festbrennweite bietet dafür meist eine größere Öffnung bei kleinerer Bauform, etwa ein 35 mm mit Blende 1,4. Unter den Objektivarten ist das weniger eine Frage der Bildqualität als eine der Arbeitsweise.
Tilt-Shift-Objektive erlauben es, die optische Achse parallel zu verschieben oder die Linse gegenüber dem Sensor zu neigen. Mit Shift bleiben senkrechte Linien in der Architekturfotografie parallel, während die Kamera gerade steht. Der Tilt legt die Schärfeebene nach dem Scheimpflug-Prinzip schräg, sodass etwa eine lange Tischreihe bei offener Blende von vorn bis hinten scharf erscheint.
Für den Einstieg genügen meist zwei dieser Objektivarten: ein Standardzoom vom leichten Weitwinkel bis zum kurzen Tele und eine lichtstarke Festbrennweite für wenig Licht. Erst wenn ein Motivbereich regelmäßig an seine Grenzen stößt, lohnt die Ergänzung durch ein Makro, ein langes Teleobjektiv oder ein Shift-Objektiv für Fassaden und Innenräume mit stürzenden Linien.
